Jakob, wie können wir Kämpfe gemeinsam denken & die Klimabewegung vereinen

Wir erleben in Deutschland einen wachsenden Rechtsruck, während die Klimakrise eskaliert. Gleichzeitig erleben wir aber auch, wie der Widerstand gegen beides auf allen Ebenen wächst. Im ganzen Land stehen Leute gemeinsam auf und kämpfen für einen Wandel. Im fünften Teil unserer unserer Artikelreihe „Sommer der Utopien“ liest du, welche Momente und Situationen das Leben eines Aktivisten täglich prägen und wie wir es schaffen, die multiplen Krisen zu stoppen. Laut Jakob ist die Lösung gemeinsame Taten, die die Zukunft gestalten und der Tatenlosigkeit der Politik entgegentreten. Jakob erklärt, warum der Rechtsruck und die eskalierende Klimakrise auf keinen Fall für sich allein dastehen und warum jede*r von uns aktiv werden soll. Einemutmachende Zukunftsutopie, die aufzeigt, warum es sich lohnt gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen. 

Als am 15. März 2019 dreihundert Menschen am Zwickauer Bahnhof in meiner Heimatstadt stehen und gemeinsam zum globalen Klimastreik nach Chemnitz anreisen, weiß ich, dass sich etwas in Gang gesetzt hat, etwas so Gewaltiges, dass ich heute gar nicht glauben kann, was wir seitdem erlebt und gesehen haben. Neben zahlreichen Rückschlägen, die junge Klimaaktivist*innen wie mich immer wieder in Angst und Bange versetzen, sind es vor allem die motivierenden und kämpferischen Momente, an die wir uns erinnern und die uns prägen.                                        

Doch als Aktivist, gerade in der sächsischen Provinz, ist es oft gar nicht so einfach, sich nur auf eben diese guten Momente zu konzentrieren. Wenn wir mit den Nachrichten von Fluten, Waldbränden, Hitzerekordern und Hunger konfrontiert werden, rutscht einem schnell das Herz in die Hose, und wenn dann noch der Rechtsruck, den wir vor der eigenen Haustür spüren, dazukommt, ist es leichter, unsere Zukunft dystopisch und etwas wehleidig zu denken. Was wir dabei aber immer wissen sollten, ist, dass die Klimakrise aufgrund einer neokolonialen und rassistischen Politik heute vor allem die Menschen trifft, die im globalen Süden leben und nicht das Privileg haben, sich mit Kapital und Macht der Klimakrise anzupassen. Wir aber suchen uns unser Engagement gewissermaßen aus und können einfach so wieder damit aufhören, wenn wir eine Auszeit brauchen. Viele Menschen sind direkt betroffen, riskieren mit politischem Engagement einen Aufenthalt im Gefängnis oder haben mit ihrem eigenen Kampf ums Überleben in einer turbokapitalistischen Welt genug um die Ohren. Wenn jetzt Klimaaktivist*innen in Afghanistan bedroht werden, sollten wir uns als Klimabewegung weiter solidarisieren und gemeinsam mit anderen Gruppen für dauerhafte und sichere Fluchtwege kämpfen. Rechte Gewalt gegen oft weiße Aktivist*innen in Deutschland sollten wir natürlich trotzdem ernstnehmen und thematisieren. Die Konsequenzen aus rechtem Hass sollten vielmehr sein, dass wir gerade dann, wenn wir anecken, weiterkämpfen müssen, mit dem Wissen, dass es menschlich ist, auch mal demotiviert oder verängstigt zu sein. Sind wir aber solidarisch, können wir das durchstehen, zusammenwachsen und den Kampf gegen die Klimakrise vielseitiger machen und dafür sorgen, dass diverse Perspektiven noch ernster genommen werden.                                         

Angesichts der vielschichtigen Probleme und des vielschichtigen Leids, die das globale kapitalistische System auslöst, müssen wir also immer wieder darauf achten, nicht nur unseren eigenen Kampf und unsere eigene Sparte, in der wir aktiv sind, zu betrachten. Die Klimakrise ist real, aber neben ihr eben auch Rassismus und ein politisches Parteiensystem, dass die Bundestagswahl 2021 zwar zur Klimawahl erklärt, jedoch bis heute keine 1,5-Grad-konformen Lösungen bietet. Diese Ignoranz macht uns Angst, diese Ignoranz macht uns wütend, doch diese zunehmende Ignoranz weckt auch immer mehr Menschen auf, macht uns handlungsfähiger und lässt uns auf neue, kreativere Formen des Protests setzen. Zu sehen, dass zum Zentralstreik von Fridays for Future in Frankfurt auch klimaschädliche Banken blockiert werden und dass es viele Ortsgruppen schaffen, sich auch mit Antifa- oder Migrantifagruppen zu connecten, zeigt, dass wir zusammenrücken, immer unruhiger werden und zukunftslose Kompromisslösungen für die Klimabewegung nicht mehr zur Debatte stehen.                                                      

Um weiterzukämpfen, benötigen wir Vorstellungen. Vorstellungen oder besser Utopien einer klimagerechten Welt, in der wir frei sind, für uns wirtschaften und in der der Fokus auf einem gerechten Umgang mit dem Klima und unseren Mitmenschen liegt.Wenn ich an einem Samstagmorgen im Jahre 2030 aufwachen würde, würde ich durch den Tag gleiten und wissen, dass die größten Hürden erst mal überstanden sind. Ein konsequenter Klimaschutzplan, gebunden an Termine und die Wissenschaft wird nach und nach final umgesetzt und unser Wirtschaftssystem ist solidarischer denn je. Damit die Energiewende auch wirklich alle Menschen mitnimmt, haben wir auf jedes Dach in jedem Dorf Fotovoltaik-Anlagen gebaut. Die Energiewende steht nicht mehr vor der Tür, sie ist schon auf dem Dach. In dieser gerechteren Utopie müssten marginalisierte Gruppen oder meine politischen Mitstreiter*innen keine Angst mehr haben, wenn sie in Städten wie Zwickau die Straßen betreten. Regressive Parteien, Menschen und Denkweisen, die den Grundstein für Klimaskepsis, Neokolonialismus und Rassismus gelegt hatten, sind ausgestorben, haben sich selbst von einer menschenfreundlichen Welt, in der auch sie plötzlich eine Perspektive und Zukunft haben, überzeugen lassen und stehen Seite an Seite mit den Menschen, gegen die sie vor zehn Jahren noch Hass und Hetze geschürt haben. In diesem neuen Leben würde ich außerdem in einer autofreien Stadt zur Uni radeln und wissen, dass nicht nur an Universitäten, sondern im gesamten Bildungssystem klimapolitische und antirassistische Bildung eine entscheidende Rolle spielen. Die unsoziale Marktwirtschaft wäre zudem überdacht und verändert worden und die kritische Arbeit an noch klimagerechteren Systemen, in denen alle in Frieden miteinander leben können, wäre ein essenzieller Bestandteil politischer Bildungsarbeit. Am Ende dieses schönen Samstages würde ich mich schlafen legen, ohne Angst zu haben. Ohne dass man das Gefühl hat, machtlos zu sein in einer Welt, in der, so fühlt es sich an und so belegt es auch der IPCC-Bericht immer mehr den Bach runtergeht, wenn wir nicht sofort radikal gegensteuern.                                        

Dass die kommenden Wahlen zwar in die richtige Richtung gehen könnten, ist gut ein Grund zur Zuversicht. Doch dass die kommenden Wahlen unser Wirtschaften trotzdem nicht so ändern werden, wie sie es müssten, um sozialer Ungleichheit durch Umverteilung entgegenzutreten und um unsere Welt gegen die Klimakrise zu rüsten, sollte uns nachdenklich stimmen. Und aus diesem Denken heraus sollten wir handeln, als Klimabewegung auch zu radikalen Mitteln greifen und uns bewusster werden, dass auf regressive Politiker*innen einfach kein Verlass ist.                                        

Was uns stärken, einen und ermutigen sollte, sind die Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren machen durften. Überall in Klein- wie in Großstädten, in privilegierteren wie in eher ausgebeuteten Staaten, stehen Menschen gemeinsam auf der Straße und kommen zusammen und das sogar mit unterschiedlichen Meinungen zu Form und Schärfe des Protests. Rücksicht sollten wir dabei immer auch auf die Menschen nehmen, die noch nicht in unserer Bubble sind. Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir alle mitnehmen. Hätten mir vor fünf Jahren, als ich 14 Jahre alt war, Freund*innen erklärt, dass in Städten wie Zwickau eine politische Jugend entstehen kann, die auch heute, nach über zwei Jahren und nach einer globalen Pandemie noch aktiv ist, hätte ich gelacht und niemals daran geglaubt. Heute ist diese aufgebrachte, solidarische Jugend lauter denn je. Setzen wir weiter auf unseren außerparlamentarischen Kampf für Mensch und Klima und setzen wir Politiker*innen weiter unter Druck, wird unser Protest schon bald Früchte tragen.                                         

Gründet Gruppen, seid unbequem und bleibt bzw. werdet aktiv!          

Zum Autor: Jakob Springfeld kommt aus Zwickau und hat dort die Ortsgruppe von Fridays for Future mitaufgebaut. Inzwischen studiert er in Hallle (Saale) und ist nicht nur in der Klimabewegung aktiv, sondern setzt sich auch in einem vielseitigen Kampf für eine solidarische Gesellschaft und gegen Rechts ein. 

Ein Kommentar zu „Jakob, wie können wir Kämpfe gemeinsam denken & die Klimabewegung vereinen

  1. Super, Jakob!

    Und hiermit:

    „Rücksicht sollten wir dabei immer auch auf die Menschen nehmen, die noch nicht in unserer Bubble sind. Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir alle mitnehmen.“

    sprichst Du einen ganz wichtigen Punkt an! Bitte, FFF, nehmt ihn auf Eure Agenden, in jeder OG!

    Kürzlich in Düsseldorf habe ich leider wieder gehört:

    „Leute, lasst das Glotzen sein! Reiht Euch in die Demo ein!“

    Ich bin nach wie vor für:

    „Wir laden Euch ganz herzlich ein, heute mit dabei zu sein!“

    Den entscheidenden psychologischen Unterschied kann man verstehen – wenn man möchte.

    LG Armin

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