Die Klimakrise wartet nicht auf einen Impfstoff – ein Streik-Aufruf!

Es ist, als würden die Flammen in Kalifornien, die Fluten über den Häusern in Südostasien und das Schmelzen der Arktis uns höchstpersönlich zum Klimastreik aufrufen. Nichts, so scheint es, macht gerade eindrücklicher auf die Klimakrise aufmerksam als der Planet selbst. Die Bekundungen einiger Politiker*innen mögen entschlossen wirken, sind aber nicht anders als in den vergangenen Jahren voller Ausreden und gegenseitiger Verantwortungszuschieberei. Unsere Situation ist bizarr: Die Mächtigen haben keinen Willen und die Willigen keine Macht. Also rufen wir wieder – in hunderten Städten in Deutschland und in tausenden weltweit – zum Klimastreik auf. Wir fordern die Regierungen auf, ihr eigenes Abkommen umzusetzen, um die Klimaerhitzung auf 1,5-Grad zu begrenzen und unser aller Lebensgrundlagen zu erhalten. 

Keine leichte Entscheidung

Die Entscheidung, inmitten einer Pandemie weltweit Proteste zu planen, war keine leichte. Bei unserem letzten globalen Streiktag im April galten vielerorts Ausgangsbeschränkungen. Wir haben Verantwortung übernommen, unsere Aktionen ins Netz verlagert und unsere Streikschilder vor den Rathäusern und Parlamenten protestieren lassen. Seitdem tasten wir uns mit Abstand wieder zurück auf die Straßen, haben die Abwrackprämie verhindert, organisieren wochenlange Protestcamps vor den Rathäusern und streiken zusammen mit Gewerkschaften für eine sozialverträgliche Zukunft. Verantwortung zu übernehmen bedeutet für uns aber auch, dass wir nicht bis zum Ende der einen Krise warten können, um die andere anzugehen.

Maskenpflicht statt Menschenmassen

Wir haben uns gefragt, wie wir inmitten einer Pandemie Klimastreiks organisieren können – in dem Wissen, wegen der momentanen Umstände nicht dieselben Menschenmassen auf die Straßen zu bringen wie vergangenes Jahr. Wo vorher das Vermummungsverbot galt, herrscht heute die Maskenpflicht. Wo lange Zeit die dicht gedrängte Menschenmasse unser wichtigster Trumpf war, um uns Gehör zu verschaffen, ist plötzlich die Einhaltung von Abstandsregeln zu unserer Hauptaufgabe geworden. Wir müssen damit rechnen, dass unsere Streiks – ganz egal, wie groß, wie vielfältig, bunt oder stark – klein geredet werden. Viele warten doch nur darauf, dass Fridays For Future, diese in den Augen unserer Kritikerinnen niemals zufriedene Bewegung, endlich verstummt. Nur sind wir einer Krise. In einer Krise, die noch immer weitgehend zur Nebensächlichkeit degradiert wird. In einer Krise, die politisch solange ignoriert wird, bis massenhaft Katastrophen eintreten oder massenhaft Proteste stattfinden. Eine Krise, deren Auswirkungen noch niemals gefährlicher waren als heute. 

Also arbeiten wir in hunderten Städten Deutschlands an Hygienekonzepten, die den Gegebenheiten vor Ort, den geltenden Versammlungseinschränkungen und den Anforderungen der lokalen Ordnungsbehörden entsprechen. Wir streiken mit Abstand und Masken, an verschiedenen Orten in der Stadt, auf Fahrrädern und Bodenmarkierungen. 

Coronabedingungen gelten auch für Fridays For Future

Doch egal wie detailliert und ausgefeilt die Vorkehrungen auch sind, viele Menschen können und wollen in diesen Monaten nicht an Demonstrationen teilnehmen. Sie oder ihre Angehörige sind Teil einer Risikogruppe, arbeiten in Krankenhäusern und Kitas, sind nach Monaten der Kurzarbeit mehr denn je auf ihre Arbeitsstellen angewiesen oder haben trotz aller Vorsichtsmaßnahmen generell Sorge vor größeren Menschenansammlungen in Zeiten der Pandemie. Viele Schulklassen dürfen keine Ausflüge machen, von Kindergärten ganz zu schweigen. Bis ein Impfstoff flächendeckend verfügbar ist, gelten die durch Corona veränderten Bedingungen also nicht nur für Schulen und Unternehmen, sondern auch für Fridays for Future

Die Temperaturen steigen auch ohne Proteste

Weil die Menschenmassen in den vergangen Monaten jedoch ausbleiben mussten, wurde medial längst das Ende des Themas Klima herbeigeschrieben. Ganz so, als würden Dürreperioden, Hitzewellen und Waldbrände verschwinden, sobald keine neuen Bilder von Schülerinnen mit bunten Schildern entstehen. Dabei muss uns allen muss klar sein: Die Berichterstattung und die gesellschaftliche Debatte über die Klimakrise dürfen nicht davon abhängen, wie viele Menschen gerade auf den Straßen stehen und ob gerade die halbe Westküste der USA brennt.

Klima ist weiterhin wahlentscheidend

Viele reden davon, dass sie in Fridays For Future ihre Hoffnung legen. Unsere eigene Hoffnung sind die Menschen, die die Relevanz der größten Herausforderung unseres Jahrhunderts erkennen und nicht willens sind, eine Politik des Aussitzens, des Weiter-so länger hinzunehmen. Trotz der persönlichen und wirtschaftlichen Sorgen, die viele Wählerinnen inmitten der Pandemie beschäftigen, ist das Klima auch in diesem Jahr wahlentscheidend. Das ist nur eines von vielen Zeichen dafür, dass die Klimakrise in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und von dieser trotz aller Widrigkeiten hochgehalten wird – unabhängig davon, ob Medien gerade berichten oder nicht.

Die Hoffnung liegt in den Menschen

Mit unserem Streik am Freitag eröffnen wir ein Bundestagswahljahr, das sich ganz zentral um die Klimakrise drehen wird – eine Tatsache, die sich selbst Peter Altmaier mit seinem an Ambitionslosigkeit kaum zu überbietenden 20-Punkte-Klimaplan eingestanden hat. Wir sind uns sicher, dass sich die Menschen nicht von denjenigen blenden lassen werden, die sich in grünen Anzügen und beim Bäume pflanzen fotografieren lassen und die gleichzeitig Wälder roden und in Berlin und Brüssel zum klimapolitischen Versagen ihrer Parteien beitragen. Ob auf den Straßen, in Bürger*innen-Initiativen oder in Vereinen: Spätestens seit dem letzten Jahr hat ein großer Teil unserer Gesellschaft angefangen, sich dagegen zu wehren, sich zu organisieren und sich für eine klimagerechte Zukunft einzusetzen. Diese Menschen geben uns Hoffnung. Während unser Zeitfenster, die 1,5-Grad-Grenze noch einzuhalten, mit jedem Tag der Untätigkeit schwindet, brauchen wir eine Gesellschaft, die die massiven Umbrüche selbst in die Hand nimmt.

Denn wenn die vergangenen 21 Monate Klimastreiks eins gezeigt haben, dann, dass uns kein Unternehmen, keine Partei und keine Institution diesen Job abnehmen wird. Am Ende werden all diejenigen über den Ausgang der Klimakrise entscheiden, die ein politisches und wirtschaftliches Weiter-So nicht mehr akzeptieren. Und sie sind es, mit denen wir gemeinsam – mit Abstand und mit Masken – auch diesen Freitag wieder für eine klimagerechte Welt kämpfen. Wir sehen uns auf der Straße.

Ein Kommentar zu „Die Klimakrise wartet nicht auf einen Impfstoff – ein Streik-Aufruf!

  1. Die Klimakatastrophe ist gravierender als die Corona-Pandemie, sie wird unser Leben weit mehr beeinflussen. In der öffentlichen Wahrnehmung ist es umgekehrt, und es hat den Anschein, dass die Politik diese Geschehnisse nicht zur Kenntnis nimmt.
    Ein entscheidender Faktor bei all dem ist die globale Erwärmung mit entsprechenden Auswirkungen. Kipp-Punkte, wie Polareisschmelze und Auftauen der Permafrostböden, sind bereits erreicht. Dies ist im Jahr 2020 deutlich geworden. Da diese das globale Klima weiter aufheizen, sind die Klima-Ziele nicht mehr zu erreichen. Es kann daher nicht mehr darum gehen, diese noch irgendwie zu erreichen, sondern nur darum, dies zeitlich zu strecken (flatten the curve), so dass Arten sich an die veränderten Bedingungen anpassen können und die Vielfältigkeit erhalten bleibt.
    Auch weitere Kipp-Punkte sind 2020 leider viel näher gerückt: Absterben des Great Barrier Riff, Vernichtung der Urwälder, Ende von Meeresströmungen wie den Golfstrom.
    Ich habe am 25. 9. vermisst, dass deutlich wurde, dass 2020 eine dramatische Wende innerhalb der Klimakastrophe geschehen ist. Denn Kipp-Punkte erreicht zu haben, bedeutet, dass wir als Menschheit bereits gescheitert sind, dass wir nicht mehr das Schlimme, sondern nur noch das Schlimmste verhindern können, dass Corona Peanuts ist gegenüber den Meldungen, die die Ökokatastrophe betreffen. Es ist fake News, dass 2020 das Jahr der Corona-Krise ist. Die Öko-Katastrophe geschieht, und niemand nimmt sie wahr. Ich habe es so wahrgenommen, dass bei f4f die schlimmen Meldungen der Ökokatastrophe zwar angekommen sind, abe die Dramtik der Erreichugn der Kipp-Punkte nicht erkannt wurde und schon gar nicht öffentlich rübergebracht wurde. Auch in diesem Artikel nicht. Hier ermuntere ich, offensiver zu sein.

Schreibe einen Kommentar zu Martin Weidner Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Beachte, dass dein Kommentar nicht sofort erscheint, da wir die Kommentare moderieren, um eine konstruktive Diskussion zu ermöglichen. Formuliere deinen Kommentar am besten freundlich und achte darauf, dass er zum Thema des Beitrags passt.